Schau nach vorn

Dieses Bild ist im Juli 2012 entstanden. Ich hatte zusammen mit einer Freundin einen Kunst-Workshop in Österreich gebucht. Mein 1. Urlaub seit 12 Jahren! So richtig genießen konnte ich es nicht, denn 14 Tage vorher war Väterchen gestorben. Nicht mein leiblicher Vater, sondern einer meiner Patienten, dessen Pflege ich übernommen hatte.

Wie es im Leben so ist. Es kommt der Tag, da muss man Abschied nehmen. Eine zerbrochene Partnerschaft, ein Beruf den man nicht mehr ausüben kann..... Schau nicht mehr zurück, schau nach vorn. Auch wenn Du die Zukunft noch nicht sehen kannst, die Türen öffnen sich. Denk an die Freude, die wiederkommt... 

 

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Väterchen war nach einer Schädel-Hirnverletzung in seinem eigenen Albtraum gefangen. 6 Monate erlebte er wieder und wieder die Schrecken des 2. Weltkrieges. Viele, viele Tage und Nächte saß ich an seinem Bett, hörte ihm zu, hielt ihn fest wenn er schrie (und er schrie viel und oft). So wurde sein Albtraum auch zu meinem. Ich konnte schlecht schlafen, schreckte hoch, hatte selber Albträume…

Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen? Mit wie vielen Schuldgedanken und –gefühlen läuft so mancher durchs Leben? Zeit seines Lebens hatte er versucht das Geschehene zu verarbeiten, konnte aber nie offen darüber reden. Aus Angst und Scham.

Ich hatte ihm versprochen, bei ihm zu bleiben. Ihn in dieser Zeit nicht alleine zu lassen. Er hatte so großes Vertrauen in mich, in meine Kraft es mit ihm zu ertragen. Dieses Versprechen habe ich gehalten. Er ist Ende Mai in meinen Armen eingeschlafen. Beim letzten Atemzug sah ich eine „weiße Kugel“ aus seinem Mund kommen. Dann nichts mehr….

Diese Momente gehören zu den schwersten in meinem Leben und doch bin ich dankbar für dieses Vertrauen, welches ich geschenkt bekommen habe. Demütig stand und stehe ich diesem Naturgeschehen gegenüber. Ich glaube, nur wenige Menschen haben eine Seele den Körper verlassen sehen.

So ist es nicht verwunderlich, dass mich das Erlebte im Urlaub noch gefangen nahm. Viel habe ich gelernt in diesen Monaten. Zum Beispiel wie viele Arten von Tod es gibt, außer des leiblichen. Auch eine gescheiterte Partnerschaft ist eine Form von Tod. Wünsche, Hoffnungen, Pläne sterben im Moment des Auseinandergehens. (Meine Scheidung war 1 Jahr vorher).

Auf einmal ist man alleine mit den Scherben und den Gefühlen von Trauer, Wut, Angst, Frust…. Macht sich Vorwürfe ob man es hätte besser machen können…. Wie heilt man diese Gefühle?

In der Zeit mit Väterchen habe ich gelernt, wie wichtig Vergebung ist. Nicht nur dem Anderen, sondern auch sich selber. Ohne Vergebung ist der Andere immer an uns gebunden und wir selber auch nicht wirklich frei.

Ich habe mal gelesen: “Was habe ich dir getan, dass du in mein Leben gekommen bist?“Ein schwieriger Prozess, denn auf einmal ist man kein Opfer mehr. Man muss in den Spiegel sehen. Wirft man dem Anderen z. B. Gleichgültigkeit vor, kann man sich selber fragen: Wem oder was gegenüber bin ich gleichgültig? Oder (wie es oft geschieht) wenn man vom Partner belogen oder betrogen wird und man fragt sich selber:“ Wo oder wen belüge ich? Dann kann die Antwort vielleicht heißen: Meine Liebe war erloschen, ich war nur noch aus Gewohnheit mit ihm/ihr zusammen.

In meinem Bild habe ich diese verschiedenen Arten von Tod mit den schwarzen Flächen dargestellt. Es ist vorbei, nicht kann mehr ungeschehen gemacht werden. Aber ich bin noch da, gehe weiter, gehe durch diesen Schmerz in eine mir unbekannte Zukunft. Auch Freude ist in mir, denn ich habe nichts versäumt, habe kein Bedauern. Also: „Schau nach vorn.“

Übrigens ist Mütterchen 3 Monate später auch gestorben. Gleichzeitig habe ich einen wunderbaren, lieben Mann kennengelernt.

 

Acryl, Mixed media auf Leinwand, 100 cm x 100cm. Copyright 7/2012

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