Depression

Depression in der Kunsttherapie

Bilder die in einer depressiven Phase entstehen, sind nicht als schön zu bezeichnen. Hier geht es darum diesem, mit Worten nicht zu beschreibendem, Gefühlszustand Ausdruck zu geben.

Es gibt so unterschiedliche Formen der Depression. Die körperlichen, die durch Hormonumstellungen entstehen können (z. B. Wochenbettdepression), oder aber jene, die für die Medizin schwer nachzuvollziehen sind. Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, beschreiben ihre Depression als eine Art graue Wolke, die alles überdeckt. Als ein angstmachendes Gefühl, dem man hilflos ausgeliefert ist. Als einen Schmerz, der einem sämtliche Kraft raubt. Und, und, und. Allen ist jedoch eines gemeinsam. Der Tag an dem die Depression kam.

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Da jedoch sehr, sehr viele zunächst nicht darüber reden – aus Angst, ihren Lebensunterhalt nicht mehr nachgehen zu können, oder aus Angst ausgelacht zu werden, oder nicht ernst genommen zu werden, oder weil der Mensch seine Bedürfnisse nicht melden kann… - weiß der Betreffende gar nicht mehr was denn da war.

Ein Psychologe sagte einmal zu mir:“ Die Depression ist eine zu 100% nicht gelebte Aggressivität.“

Zunächst erschien mir das sehr verallgemeinert, auch nicht stimmig. Doch nach längerem Nachdenken, ergibt das schon einen Sinn. Weil: die Aggressivität folgt der Angst. Situationen in denen man Angst spürt, hilflos und ohnmächtig ist, die machen aggressiv. Schließlich will man sich dagegen wehren. Kann man aber diese Aggressivität nicht dem „Angreifer“ entgegenbringen, so richtet sie sich gegen sich selbst. Das sieht dann so aus, dass Sätze wie: „ist doch eh alles egal – ist mir gleichgültig – wen interessiert das schon – ich bin allein – mir kann eh keiner helfen“ in das tägliche Gedankengut übergehen. Diese oder ähnliche Sätze zeigen jedoch die unglaubliche Ohnmacht, die der Mensch empfindet. Wie schwer es ihm in diesem Zustand fällt, positiv zu denken oder die Energie für irgendwelche Aktivitäten aufzubringen.

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Im Januar diesen Jahres kam eine junge Frau mit Burnout Syndrom zu mir. Sie war in der psychologischen Notfallambulanz, wurde auf Medikamente eingestellt und mit der dringenden Empfehlung, einen Psychologen aufzusuchen, nach Hause geschickt. Jedoch sollte sie sich ein bis zweimal im Monat wieder vorstellen. Die Patientin war willig, wollte die Hilfe in Anspruch nehmen, doch die Warteliste der Psychologen liegt bei ca einem halben Jahr, oder es wird kein Patient mehr aufgenommen.

Sie beschrieb mir ihren Zustand so: „ ich habe Angst in die Arbeit zu gehen, ich habe Angst meine Leistung nicht mehr bringen zu können, ich muss nur noch weinen, ich kann nicht mehr schlafen. Dieser Zustand ist entsetzlich!“ Ich fragte sie, ob sie denn dieses Angstmonster malen könne? Sie malte es, prägnant, deutlich, sie wählte grau als Farbe. Als ich sie darauf hinwies, dass dieses Monster gar nicht so böse gucke, war sie zunächst etwas irritiert. Ich fragte sie dann:“ Wie müsste dieses Monster denn aussehen, dass Sie keine Angst mehr davor haben müssten?“ Daraufhin veränderte sie das Bild schweigend.

In den folgenden Wochen arbeiteten wir weiter an verschiedenen Themen. Da kam eine verzerrte Selbstwahrnehmung, dann (nach einer erfolgreichen Diät) die Unfähigkeit nicht an Essen denken zu können, die Auseinandersetzung mit sich selbst: Wer und was bin ich? Dazu ermutigte ich sie noch, jeden Tag nach dem Aufstehen 3 Seiten alle Gedanken ihr durch den Kopf gehen ohne Zensur, ohne darüber nachzudenken, aufschreiben.

Das Schreiben gab sie nach kurzer Zeit wieder auf. Ihr Kommentar dazu:“ Ich schreibe nur Anweisungen an mich selber, das regt mich auf.“

Sie veränderte ihr Leben: gab einen Nebenjob auf, nahm sich Zeit für sich selber, baute Überstunden schnellstmöglich wieder ab, lernte, dass Essen Genuss und Freude bereitet, nahm sich die Kreativität mit in den Alltag. Nach 4 Monaten fühlte sie sich so gut, dass sie nur noch malte aus Freude daran. Weitere 2 Monate später setzte sie mit Zustimmung des Notfallpsychologen das Medikament wieder ab, hatte wieder ihren Platz im Leben, hatte Freude am Leben.

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Ich als Kunsttherapeutin war selber erstaunt, wie zügig und flüssig dieser Prozess lief, freute mich mit ihr. Jedoch hatte ich auch das Gefühl, dass wir das Hauptthema, das auslösende Thema nicht berührt hatten. Alle „großen“ Themen werden vom Unterbewusstsein geschützt. Das auslösende Thema ist lange schon Vergangenheit, oder schon aus der Erinnerung. Wenn da nicht die Trigger wären…

Vor 3 Wochen kam der Rückfall in die Depression. Sie malte eine geöffnete Tür, aus der eine graue Wolke herauskam, auf sie zukam, drohte sie zu packen. Sie war verwundert über ihr Bild, denn sie hatte sich selbst gemalt mit Händen, die eine empfangende Haltung hatten. Sie meinte dazu:“ Eigentlich müsste ich mich doch dagegen wehren“?

So ist die Depression. Man wehrt sich nicht dagegen dass sie kommt. Man wehrt sich dagegen hinzuschauen was passiert, oder passiert ist. Das ist es was Heilung braucht! Dem Hässlichen in die Augen schauen!

Den Prozess dieser Patientin habe ich mit ihrer freundlichen Genehmigung hier veröffentlicht. Er bleibt jedoch ohne Namen und in stark verkürzter Wiedergabe. Warum sie die Kunsttherapie macht? Sie sagt:“ Ich habe dabei das Gefühl etwas tun zu können, jetzt wo ich es brauche. Nicht erst in einem halben Jahr. Ich tue das für mich.“ - Das oben veröffentlichte Bild ist von mir selbst. Mein eigenes Angstmonster. -